Radioquote
From Tribalradix
Am 29.09.2004 fand im Bundestag eine öffentliche Anhörung zum Thema Quote für Musik aus Deutschland statt. Die Arbeitsgruppe Musiker in eigener Sache übergab eine von mehr als 600 Künstlern unterzeichnete Petition in der eine Quote zugunsten der Musik deutschsprachiger Künstler gefordert wird um "die skandalöse Unterrepräsentation" derselben per staatlicher Vorgabe zu beenden. Die Unterzeichner fordern "mehr Musik von hier" und sehen in der geforderten Quote eine "Notwendigkeit", weil sie das "einzige politische Mittel" sei um "eine Chancengleichheit in den Medien wieder herzustellen". Ein Schutzraum für die, vom totalen Markt gebeutelten Künstler? Politiker sind da definitiv die falsche Adresse. Auf europäischer Ebene sind es längst Personen wie Janelly Fourtou, Ehefrau des Chefs des Mediengiganten Vivendi, die aktiv die Interessen der Musik- und Filmindustrie vertritt und gemeinsam mit dem europäischen Rat und in Anwesenheit der Industrielobbys am Parlament vorbei entsprechende Richtlinien durchdrückt. Das aber nur am Rande. Der Vorsitzende der deutschen Phonoverbände und Inquisitor im Namen der Rechteinhaber geistigen Eigentums, Gerd Gebhardt, findet eine Quote "dringend nötig, um Talente zu fördern". "Musik ist nicht mehr Ziel des Programms, sondern dient oft nur noch dem Zweck, das Abschalten zwischen den Werbeblöcken zu verhindern".
Das Problem ist folgendes: die Radiolandschaft ist geprägt vom kulturellen Mainstream und somit schwer zugänglich für Nachwuchsbands und Independentmusik. Die Sender dokumentieren mitnichten die Entwicklung der deutschen Musikszene sondern bieten flächendeckend den gleichen Chartsound. Das kommerzielle Radio benutzt Musik um Werbebotschaften zu verkaufen. Über die Auswahl der Musik wird die kommerziell interessante Zielgruppe angesprochen. Ihre Zielgruppen wähnen die Sender allesamt in den gleichen demographischen Schichten. Es hat sich ein durch intensive Marktforschung angeblich bestätigter Einheitssound durchgesetzt, welcher den Verkauf von Produkten befördert. Daran wird gut verdient... wie sagte doch Hubertus Meyer-Burckhardt, Vorstand für Elektronische Medien der Axel Springer AG, im letzten Jahr? "Unsere Hörfunkbeteiligungen erwirtschaften trotz Struktur- und Konjunkturkrise zweistellige Umsatzrenditen und nach wie vor erfreuliche Ergebnisse." Die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten haben sich den privaten angepasst und bieten keinerlei Alternative zum werbefinanzierten Konsumradio. Dafür gibt es auch einen Grund: "Unser Kriterium ist der Hörer und kein Lobbyistenverband", so der Vorsitzende der ARD-Hörfunkkommission, Gernot Romann (NDR). Die privaten Sender wollen im Zweifelsfall per Verfassungsklage gegen eine Quote vorgehen. Plattenfirmen wie Universal oder EMI haben in erster Linie ein Interesse an Profitmaximierung und nicht an der Finanzierung unrentabler - weil noch nicht etablierter "Produkte". Wenn es für den grössten Teil der regionalen Neuerscheinungen keine Rotation im Radio gibt, dann gibt es eben keine Nachwuchsförderung seitens der Plattenfirmen mehr.
Da geht es nicht um einen kulturellen Auftrag sondern um das was allgemein als kapitalistische Verwertungslogik bekannt ist. Für die deutsche Musikwirtschaft ist das anscheinend ein Problem. Der Bundesverband mittelständische Wirtschaft sieht schon den Kollaps kommen und attestiert der deutschen Musikwirtschaft gegenüber ausländischer und vor allem US-amerikanischer Musik völlige Chancenlosigkeit. Antje Vollmer fragt sich im Spiegel ob wir (wir?) zufrieden sind "wenn die grossen amerikanischen Plattenfirmen mit wenigen, durch gigantisches Marketing durchgesetzten Produkten weltweit abgreifen?" und ist der Meinung, Mensch müsse "etwas gegen die oligopole Struktur des internationalen Musikgeschäfts und ihrer Reproduktion durch die Medien tun." Es ist schon seltsam, denn die deutschen Album-Charts vom 25.10.04 sprechen eine völlig andere Sprache:
Platz 1 - Die Toten Hosen Platz 2 - Rammstein Platz 4 - Die Fantastischen Vier Platz 5 - Silbermond Platz 6 - Juli Platz 8 - Pur Platz 13 - Gentleman Platz 17 - Rosenstolz Platz 18 - Söhne Mannheims Platz 19 - Marianne Rosenberg
usw...
Worum geht es hier eigentlich? das deutsche radio den deutschen Künstlern oder was? Den Künstlern in eigener Sache kann ich nur ans Herz legen, sich mal ernsthaft mit dem Thema unabhängige und freie Radios auseinander zu setzen und selbst eine Nachwuchsförderung zu betreiben, anstatt es als skandalös zu empfinden, dass deutsche Künstler angeblich nicht im deutschen Radio laufen und aufgrund dessen nach dem Gesetzgeber zu quäken. Politisch aktiv ist für mich etwas anderes...
Kain Schwarz (p-pack)

