Interview DA
From Tribalradix
Datum - 09.2003
Medium - Direkte Aktion
Ausgabe - 159
Seite - 13
AutorIn - Hansi Oostinga
Der lange Marsch durch die Plattenlabels - Interview mit Danny Bruder vom P-Pack
Ein lauer Augustabend im Berliner Mauerpark. Die Sonne geht gerade im Wedding unter. Uns sitzt Danny Bruder, die eine Hälfte von Bruder & Kronstädta (Ex-Das Department) gegenüber und läßt sich nicht lange bitten, über die Abgründe des Musikgeschäfts und mögliche Gegenstrategien zu erzählen. 1993 hievte er mit anderen das P-Pack, ein libertäres Netzwerk berliner Bands, Grafiker und anderer Künstler, aus der Taufe. Nach einigen Jahren schlief es zwar wieder ein, aber jetzt ist es wieder da.
Erzähl mal was zur Situation des P-Packs.
Ich hab das P-Pack vor ungefähr einem Jahr wieder zum Leben erweckt. Ich hab mit ein paar Leuten eine Internetseite an den Start gebracht und hab halt die Bands angesprochen, die in einer ähnlichen Situation waren wie wir, die am Rande dieser Musikszene stehen, weil sie komische Charkatäre sind oder komischen Sound machen, weil sie nicht reinpassen ins Bild. Das ist im Prinzip nichts Neues, das ist ein Independent-Gedanke. Der Unterschied bei uns ist, es gibt kein Profit-orientiertes Geschäftsgebaren. Wir überlegen auch, was wir konkret am herrschenden Musikmarkt ändern können: Verkaufen wir z.B. nur noch selbstgebrannte CDs und pressen nur noch Vinyl? Seit August ist ja ein neues Urheberrecht am Start und jetzt ist auch die Vervielfältigung zu private Zwecken verboten. Das ist aber alles noch Grauzone, das wird sich in den nächsten Jahren sicherlich noch perfektionieren, diese Kriminalisierung von CD-Brennern und Leuten, die sich im Internet mit Musik versorgen. Innerhalb der Musikszene kümmert sich kaum jemand darum, das ist auch ganz stark schizophren. Also, auf der einen Seite hast du Leute wie Thomas D. von den Fantastischen 4, die so ne Copy-Kills-Music-Kampagnen-Scheiße auch noch mitunterstützen und die Großkonzerne, die natürlich ihr vitales Finanzinteresse haben. Und nach außen wird so getan, als wären die armen Musiker die Geschädigten. Die sind natürlich auch davon betroffen. Aber lange nicht in dem Maße wie die Plattenfirmen, weil die Musiker sowieso erst nach einem Breakeven von 10.000 verkauften Einheiten was verdienen würden. Für die kleinen Bands ist das Brennen eher gut. Je mehr Leute sie brennen, desto mehr kennen sie, desto mehr Leute kommen vielleicht zu den Konzerten. Ein anderes Ding ist, daß im Bereich des Widerstands so ziemlich wenig Sinn für Stil oder Geschmack im Verbreiten von Inhalten vorhanden ist. Nichts ist langweiliger, als ein beschissenes DIN A4-Blatt mit schwarzem Aufdruck mit irgendnem Text. Das muss man nicht so plump nach außen transportieren. Darum geht es uns, andere Formen zu entwickeln, zu zeigen, dass es anders geht.
Neue Formen suchen, hat das auch was mit deiner oder eure musikalischen Entwicklung zu tun?
Nö, das ist eher was Persönliches, ich bin halt sehr weit gefächert in meinen Geschmäckern. Ich könnt mich nie in einem Musikstil alleine zu Hause fühlen. Das hat was mit Freiheit zu tun. Wenn ich Bock hab, ne Hardcore-Nummer zu machen, dann mach ich die. Und wenn ich morgen Bock hab nen House-Song zu machen, dann mach ich den auch. Das mit den neuen Formen finden hat eher damit zu tun gehabt, daß ich eben durch die Tatsache, daß ich Musiker geworden bin, mit gewissen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Daß man einfach eine andere Existenz sich schaffen will, wo man mit dem ganzen Scheißdreck nichts mehr zu tun hat, genau wie man als Mensch zu dem Punkt kommt, diesen kapitalistischen Dreck in dieser Welt nicht mehr zu wollen.
Einigen seit ihr wahrscheinlich durch euer Album-Projekt "Die Erben der Scherbenx{201C} bekannt. Wie kam es dazu?
Die Idee zu diesem Album hatte eigentlich Kronstädta, der von Kindesbeinen an ein Rio-Reiser-Fan war. Er hatte diesen Traum schon länger und dadurch daß wir unheimlich viel Musiker kannten und recht regen Kontakt zu irgendwelchen Plattenfirmen hatten, war die Idee gar nicht mehr so utopisch und wir haben das dann einfach durchgezogen.
Musikalisch seit ihr doch recht weit entfernt von Rio Reiser.
Ja. Also ich persönlich habe auch ganz lange Hardcore mit Gunjah, gemacht. So ne Berliner Hardcore-Band aus den 90ern. Ich hatte ende der 80er angefangen, HipHop zu machen und dann hat sich das immer mehr dahin verlagert. Mit der Auflösung von Gunjah, 1996, kam ich konkret nur noch über diese HipHopschiene nach außen. Jetzt ist es gerade so, daß wir musikalisch einen ziemlichen Spagat machen, zwischen sehr hartem Sound und gleichzeitig sehr poppigen, dancefloor-orientierten Geschichten, zwischen, HipHop, drum `n`base, alles was man so vom dancefloor kennt, so sehr beat-orientierten Stilen, dann aber gepaart mit Zerstörung digitalerer Art oder verzerrten Klampfen, die man extrem zerhackt und neu arrangiert. Und auch abnehmend Vocals, zunehmend instrumental. Aber inhaltlich sind wir total in der Tradition. Seit ich Musik mache, mache ich politische Texte.Nicht zuletzt eben auch aufgrund meiner Erfahrungen mit dem Musikbusiness. Ich habe gleich zu Anfang meiner musikalischen Laufbahn beim beschissensten Abzieher in Berlin unterschrieben, Karl Ulrich Walterbach, der so ziemlich jedem Alt-Punk in Berlin auch noch ein Begriff sein dürfte. Der hat das Label agressive Rockproduktion gemacht, so Slime und Soundtrack zu Untergang-Geschichten. Und der hat unheimlich viele Muiker über den Tisch gezogen und wir waren halt total jung. Wir wußten zwar, daß der Typ ein Arschloch ist, aber wir wollten unbedingt eine Platte machen. Wenn du in dem Alter bist, dann hast du halt nicht den Durchblick von Vertragswerken, dann bist du froh, daß irgendjemand ne Platte mit dir macht. Ich hab mir den Vertrag Jahre später nochmal angeguckt - das war ne Katastrophe. Unsere Erben hätten noch nichts verdient mit dem. Und so fängt man natürlich auch an, sich damit auseinanderzusetzen, mit diesen ganzen Strukturen und stellt relativ schnell fest, worum es da geht, nämlich um Gewinnmaximierung, und zwar auf Kosten derer, die die Ware Musik produzieren. Und so was drückt man in seinen Texten aus. Und dann bilden sich auch die Fronten relativ schnell.
Inwieweit wollt ihr im Rahmen des P-Packs auch Geld verdienen?
Es geht nicht um Geld. Das Problem ist nur, daß man Geld zum Leben braucht. Da wir Musiker sind, wollen wir am liebsten mit Musik Geld verdienen, das ist unser Beruf. Wenn du mit dem, was du liebst, dein Brot erwirtschaften mußt, dann ist das immer scheiße, das gibt dem ganzen einen unangenehmen Touch. Das ist wie, wenn du dir von guten Freunden Geld leihst und die dann selbst irgendwann kein Geld haben, du es aber nicht zurückgeben kannst. Dann sind da zwar zwei Leute, die sich lieben, aber dann bringt sie unter Umständen dieses scheiß Geld auseinander. Und das ist mit der Musik ähnlich, das macht es madig, du willst es eigentlich davon fernhalten und du willst auf der anderen Seite auch leben. Und dann mußt du halt mit dem Geld verdienen. Ich finde die Musik wird wie die Politik mit Geldverdienen scheiße, die CDs sind zu teuer, die Konzerte kosten zu viel.... Und ich bin ein armer Mann, ich hab nichts, ich bin nicht krankenversichert, ich hab überhaupt keine Versicherung, ich krieg kein Sozi, kein Arbeitslosengeld, nichts. Ich muß echt jeden fuckin Tag gucken, wo ich bleibe.
Diesen Konflikt kennen wohl viele in der Kulturbranche. Ich denke, einige schaffen es ganz gut zwischen Kommerz und dem was sie eigentlich machen wollen, einen Spagat hinzubekommen.
Ich mach so nen Spagat manchmal auch, aber dann bin ich echt ein Angestellter. Dann laß ich mich engagieren von irgendjemand und spiele da live Baß zum Playback oder so, für irgendne Fernsehshow, dann zappel ich da rum mit nem Baß und krieg dafür Geld, und kann damit meine Miete bezahlen. Aber das ist was anderes. Das ist was anderes, ob du nen eigenes Ding baust oder ob du irgendwo angeheuert wirst. Wenn du so ein eigenes Ding baust, dann hast du dafür auch ne Verantwortung zu tragen, und dann muß man auch dahinter stehen können. Und wenn man anderen Leuten mit seiner Arbeitskraft zu Diensten ist, muß man nicht direkt dafür einstehen. Aber über lange Sicht wollen wir natürlich, daß das P-Pack existieren kann, auch wirtschaftlich. Es soll nicht so sein, daß man nichts machen kann. Wir wollen ja konkret Platten veröffentlichen, wir wollen Theaterstücke inszenieren, wir wollen Hörspiele machen, wir wollen lebendige Kultur machen und wir wollen, daß Leute sich das angucken und anhören können. Und da entstehen halt Kosten.
Eure Erfahrungen mit den großen Labels haben ja was damit zu tun, was ihr gerade macht.
Die letzten Male, in denen ich mit Plattenfirmen zu tun hatte, gabs immer Probleme. Bei V2, wo wir mit Department unter Vertrag waren, gings darum, daß es unheimlich schwierig war, Sachen durchzuziehen, wie wir sie machen wollten. Wir haben dann am Anfang gedacht, wir lassen sie mal so machen, wie sie wollen, und wenn das dann hinhaut, wie sie sich das vorgestellt haben, schön, und wenn nicht, können sie uns nicht sagen, daß es an uns liegt. Dann hats halt nicht geklappt, und wir haben gesagt, ok, dann wollen wir mal machen, wie wir wollen. Ich habe dann über 6 wochen den ENA vollgelabbert, daß ich die Kohle fürs Video für den Song Bullenbeat bekomme. Das war ein unheimlicher Krampf. Das hat gerade so noch geklappt, wir haben das Video durchgezogen und Department hat dann ein paar tausend Alben verkauft, aber die haben bei weiten nicht das Geld eingespielt, was V2 investiert hatte. Einfach mal um das zu veranschaulichen: Das Video, das wir durchgedrückt haben, hat 6000 DM gekostet und das Video, das die gemacht haben, hat über 80 000 DM gekostet. Du mußt die Kohle ja zur Hälfte oft einspielen, manche Bands müssen die Vorkosten sogar komplett decken. Das holst du nie wieder rein. Dann bist du ein Produkt, daß sich nicht verkauft und deine Produktion wird eingestellt. Und das ist passiert, V2 hat massiv zu viel Kohle ausgegeben, wollten nicht auf unsere Vorschläge hören und dann haben sie uns einfach gedropt. Mit so ganz blöden Ausreden: Die Begründung dafür war dann, daß wir sie körperlich bedroht hätten, also wir wären gefährlich und deshalb könne man nicht mehr mit uns zusammenarbeiten. So läuft das halt und ich hab so die Schnauze voll...Es gibt schon noch Leute in Plattenfirmen, die cool drauf sind und versuchen andere Wege zu gehen. Sowas duldet der Konzern natürlich nur so lange, wie du ihm Profit bringst. Das ist im Konzern im kleinen, wie in der Gesellschaft im Großen.
Und was hältst du dann von einer Band wie Chumbawamba, die ganz bewußt in solche Strukturen reingehen?
Ja, find ich auch interessant. Nach dem Motto, wir sind der Virus in einem Körper und breiten uns jetzt aus. Kann funktionieren, funktioniert auch. Die Frage ist nur, was ist vom Virus am Ende noch übrig. Und in der Musik ist es wahrscheinlich nicht so kompromittierend wie in der Politik. Da ist es ja so, wenn die Leute in den Institutionen angekommen sind, sind sie die Institutionen. Aber Chumbawamba finde ich eine sympathische Band. Mir sind Bands, die drin sind im System, nicht Spinne Feind. Ich glaube ja nicht daran, daß man diesen Märtyrer-Film fahren muß, ich glaube, daß man sich selbst nicht verraten darf, darauf kommt es an.
Anmerkungen
Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Direkten Aktion.

