Copycan - was ihr wollt!

From Tribalradix

Datum - 09.2006

Medium - Direkte Aktion

Ausgabe - 177

AutorIn - kain schwarz


Contents

copycan – was ihr wollt!

Wir befinden uns inmitten der so genannten Copyright-Wars. Während auf der einen Seite massiv auf elektronische Überwachungssysteme und strenge Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen gesetzt wird, um die “Rechte“ von Urhebern zu schützen, entwickelt die andere Seite neue Konzepte für einen fairen Umgang mit Nutzungsrechten. Eines dieser Konzepte nennt sich copycan und setzt auf freie Lizenzen wie die Creative Commons oder Public Domain. Die DA konnte zwei Mitglieder von copycan für ein Interview gewinnen.

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DA: Was ist copycan?

B: copycan ist in erster Linie ein Dienst zur Veröffentlichung digitaler Inhalte, basierend auf dem Street Performer Protocol(i), einem electronic-commerce(ii) Verfahren zur Erleichterung der privaten Finanzierung öffentlicher Werke. Produzenten digitaler Inhalte können diese unter eine freie Lizenz wie Creative Commons (cc-by-sa.2.0)(iii), GPL(iv) oder Public Domain(v) stellen und über copycan zum Verkauf anbieten.

J: copycan bedeutet Verschiedenes: in unserem Verständnis beschreibt es den Zustand, in dem jede Datei ist, die man auf der Festplatte hat – sie kann kopiert werden: copyCAN. Nur Dateien, die man nicht hat, kann man nicht kopieren: copyCAN'T. Zumindest technisch ist dies so. Der Begriff selber hat eine längere Geschichte - ich versuche sie mal so wiederzugeben, wie sie mir von Saul Albert(vi) erzählt worden ist, der meinem Verständnis nach den Begriff in die Welt gebracht hat. 'copycan' ist das erste Mal in einem Kunstkontext in Brüssel verwendet worden, wo copycan selber eine Lizenzidee war, die letztlich besagte: 'Ist uns egal, was ihr mit diesem Werk macht' - einzige Voraussetzung für die Gültigkeit der Lizenz war, dass der Autor die Lizenz in einer Sprache schrieb, die er selbst nicht sprach. Danach war 'copycan' die Idee zu einem freien Tauschevent, bei dem Leute ganz offen auf einem öffentliche Platz CDs tauschen - einer gibt dem anderen eine CD; Wie Quartett-Karten, nur halt mit Silberlingen (CDs). Dann hat jemand 'copycan' als Idee zu einer hoch geheimen Tauschparty verwendet, in dem möglichst unbeobachtet große Mengen an Dateien getauscht wurden - eher das Gegenteil zum freien Tauschevent. So gesehen ist copycan.org also die vierte Version des Begriffes. Ich bin mal gespannt, was Nummer fünf ist.

DA: Wie funktioniert copycan?

B: Ich werde das einmal anhand des folgenden Beispiels veranschaulichen: nehmen wir einmal an, der Autor Monty Cantsin(vii) hat ein Buch geschrieben und möchte dieses nun veröffentlichen. Er registriert ein Nutzerkonto auf der Website copycan.org, eröffnet ein neues Projekt mit einer Produktbeschreibung - diese kann z.b. eine Leseprobe, sowie Werkdaten und Informationen zu seiner Person beinhalten – und veranschlagt einen Verkaufspreis für sein Buch. Als nächstes macht er Werbung für sein Buch indem er z.B. eine Lesung veranstaltet, einen Blog(viii) Beitrag über sein Buch schreibt, seinen Freunden und Bekannten eine email mit dem link(ix) zu seinem copycan-Projekt schickt, etc. Jetzt kann ein jeder seiner Leser einen x-beliebigen Betrag auf das copycan-Treuhandkonto einzahlen und an der Veröffentlichung des Buches teilhaben. sobald der veranschlagte Verkaufspreis erzielt wird, bekommt der Autor das Geld, das Werk ist frei verfügbar und kann in den Zyklus der freien Kultur eintreten.

DA: Lohnt sich das denn?

J: Noch liegen keine Erfahrungswerte vor, wir glauben aber schon. sehr wahrscheinlich wird Niemand reich wie Britney Spears - aber wer will das schon? Für Autoren lohnt es sich doppelt, weil sie für ihre Werke bezahlt werden, und einen immer größer werden Fundus an freien Inhalten weiterverarbeiten können. Für Konsumenten lohnt es sich doppelt, weil man zum einen nicht nur die Werke bekommt, die man selber bezahlt, sondern auch diejenigen, die andere frei kaufen. Zum Anderen werden die Werke auch billiger, weil man den ganzen Überbau (Marketing, GEMA(x), etc.) nicht bezahlen braucht. Für die Gesellschaft lohnt es sich, weil Kriminelle weder geschaffen noch verfolgt werden müssen.

DA: Worin besteht denn der Vorteil von freien Lizenzen?

J: Freie Lizenzen bedeuten, dass man mit einem digitalen Inhalt, also einer Datei alles machen darf, was man so machen kann: weitergeben, benutzen, verändern, usw. Man braucht nicht mehr zu grübeln, bezahlen oder Angst zu haben, kriminalisiert zu werden.

B: Ich kann z.B. eine Creative Commons-Lizenz wählen, die jede beliebige Nutzung erlaubt, solange ich als Autor genannt werde. ich kann auch eine Lizenz wählen, die jede beliebige Nutzung erlaubt, solange die gleichen Rechte anderen weitergegeben werden, usw... freie Lizenzen fördern einen fairen Handel und sind meiner Meinung nach eine echte Alternative zum bisherigen Umgang mit Nutzungsrechten an geistigem Eigentum. Da draußen tobt ein Krieg um Datenfreiheit - wir sind mittendrin in der digitalen Revolution.

DA: Was passiert wenn das Geld nicht zusammen kommt?

J: Entweder der Autor ist mit weniger zufrieden, oder die Kunden bekommen ihr Geld zurück, und der Autor kann mit seinem Werk machen, was immer er will - also z.B. über traditionelle Wege verkaufen.

B: (lacht) Du musst nur einen fetten Deal schießen und dich dann mit ca. 20% vom Händler-Abgabepreis abspeisen lassen. Mehr gibt es nicht... Große Plattenfirmen sind ein kostspieliges Anhängsel.

DA: Wie kann ich ich das Material selber anders verwerten

J: Mit den freien Inhalten kann man im Prinzip machen, was immer man machen will - man kann sie sogar verkaufen. bei den meisten freien Lizenzen kann man nur anderen Leuten nicht verbieten, das Gleiche zu tun - die Freiheit kann nicht wieder eingesperrt werden. B: Ist das nicht großartig? ich liebe diese geilen Hacks!

DA: Kann ich die Lizenz später ändern?

J: Bei einigen Lizenzen ist dies möglich, Ziel für copycan wird es aber sein, nur solche Lizenzen zu verwenden, die garantieren, dass einmal frei gekaufte Inhalte auch für immer frei bleiben - dafür wird der Autor ja bezahlt.

B: Vielleicht bauen wir uns ja mal eine subversiv_deluxe virale copycan-Lizenz

DA: Wie aufwendig ist die Benutzung des Services für Kunden?

J: Es ist ziemlich einfach, copycan als Kunde zu benutzen - ich gehe auf die Website von copycan, klicke mich zu dem entsprechenden Projekt durch, und bezahle den Betrag, den ich bezahlen möchte. im Augenblick brauche ich noch Paypal(xi) - aber wir wollen alsbald auch andere Zahlungsmethoden im Angebot haben.

DA: Wie sieht es denn mit dem Datenschutz aus?

J: copycan schätzt Datensparsamkeit - d.h. nur Daten, die wir wirklich für den Ablauf brauchen, werden gespeichert, und auch nur so lange wie dafür nötig. Klar ist natürlich, dass wir für Kunden, die beim Nicht-Gelingen eines Projektes ihr Geld zurück haben wollen, eine Rücksendeadresse brauchen. Ansonsten kann ich als Kunde relativ anonym bleiben.

DA: Woher weiß ich, wofür ich bezahle?

J: Für laufende Projekte stellen Autoren einen Preview online, der einen Eindruck von dem zu veröffentlichenden Werk geben soll. Wird das Projekt erfolgreich abgeschlossen und das Werk kommt frei, kann man sich dieses natürlich einfach herunterladen.

DA: Wer ist der Treuhänder?

J: copycan ist der Treuhänder in dem Ablauf des ganzen Projektes. copycan verifiziert die Web-Identität der Autoren, sammelt das Geld auf seinen Konten, zahlt es den Autoren aus, und hält eine Rückschau auf alle Projekte der Autoren online bereit. Hinter copycan steht eine wachsende Zahl von Unterstützern aus unterschiedlichen Bereichen: Musiker, Autoren, Techniker, Juristen, Aktivisten etc.

DA: Was ist wenn der Treuhänder freidreht.?

J: Die rechtliche Konstruktion von copycan ist so angelegt, dass copycan auf die ursprünglichen Ziele festgelegt bleibt. Gleichzeitig arbeiten wir mit Transparenz - Abläufe und Entscheidungen müssen veröffentlicht werden, so, dass sich ein jeder über den Verlauf informieren kann. Da copycan aber zu keiner Zeit die Inhalte gehören werden freie Inhalte frei bleiben, egal was copycan macht.

DA: Welche Software steckt hinter copycan?

J: copycan ist im Augenblick in Python(xii) programmiert, und setzt auf das Framework(xiii) Zope(xiv) auf. Die Software selber wird ebenfalls unter einer freien Lizenz veröffentlicht.

B: Zope benutzt ihr ja bei der FAU ja auch, wie wir gesehen haben.

DA: Was ist, wenn ich nicht will, das mein Werk kommerziell verwendet wird?

J: Dazu wählt der Autor eine Lizenz, die garantiert, dass 'abgeleitete' Werke auch wieder frei sein müssen, d.h: Verwendet ein Konzern z.B. einen Musiktitel für einen Werbefilm, und steht dieser Musiktitel unter einer solchen Lizenz, muss auch der Werbefilm unter einer freien Lizenz stehen. Ich kann mir im Augenblick noch keinen Konzern vorstellen der das tun würde - und wenn die einen Werbefilm unter eine freie Lizenz stellen - wo wäre das dann noch problematisch?

B: Je mehr freie Inhalte existieren, desto schwieriger wird es auch, Inhalte, die nicht unter einer freien Lizenz stehen, noch lukrativ zu verwerten.

DA: Vielen dank für die Daten.

copycan.org

Das Interview führte Kain Schwarz [p-pack:konkretik]

Dieser Text steht unter der cc-by-sa 2.0 Lizenz.

footnotes

i http://www.counterpane.com/street_performer.html

ii elektronischer Handel

iii http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/de/

iv http://www.gnu.org/licenses/licenses.html

v lizenzfrei/gemeinfrei http://creativecommons.org/licenses/publicdomain/

vi aktivist http://theps.net/people.html

viihttp://www.le-musterkoffer.de/alpha/cantsin01.html

viii Ein Blog ist eine Webseite, die periodisch neue Einträge enthält

ixVerweis von einem Webdokument durch eine entsprechende Markierung auf ein anderes Webdokument

x Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte

xi PayPal ist ein von einer 100%igen Tochtergesellschaft der Firma eBay betriebenes Online- Bezahlsystem, das als Micropayment-System und zur Begleichung höherer Beträge zum Beispiel beim Einkauf und Verkauf im Online-Handel genutzt werden kann

xii http://www.python.org

xiii (engl. Rahmenstruktur, Fachwerk) ist ein Begriff aus der Softwaretechnik und wird insbesondere im Rahmen der objektorientierten Softwareentwicklung sowie bei komponentenbasierten Entwicklungsansätzen verwendet.

xiv http://www.zope.org